Die Überschrift meiner literarischen Arbeit könnte lauten: „Berichte aus dem beschädigten Leben“. Das ist eine Anlehnung an die Formulierung, die der deutsche Philosoph Theodor W. Adorno als Untertitel für seine Aufzeichnungen um die Mitte der 1940er Jahre gewählt hat („Minima Moralia: Reflexionen aus dem beschädigten Leben“). Das „beschädigte Leben“ erinnert an die „beschädigte Natur“, mit der Thomas von Aquin den Zustand des Menschen nach dem Sündenfall und der Vertreibung aus dem Paradies bezeichnete. „Beschädigtes Leben“ oder „beschädigte Natur“, das bedeutet: Auch die Guten sind nicht frei von Sünde. Ihr gut gemeintes Handeln hat nicht immer gute Konsequenzen. Aber auch: Die Bösen sind nicht böse, sondern im Kern beschädigte Gute. So gibt es weder Supergute noch Superböse, sondern supermenschliche Charaktere, manchmal tragisch, manchmal komödiantisch, manchmal sympathisch, manchmal abstoßend. Meine Sympathie gehört denen, die angesichts der Beschädigung ihrer Natur nicht resignieren.

Wichtige Einflüsse auf meine Arbeit

Literarisch : Stefan Andres, Fernando Arrabal, Edward Bond, Martin Buber (Übersetzung der Schrift), Raymond Chandler, Joan Didion, Umberto Ecco, Ake Edwardson, Max Frisch, Paul Goodman, Lars Gustafsson, Peter Handke, Ernest Hemingway, Patricia Highsmith, Aldous Huxely, Reinhard Jirgl, Ernst Jünger, Franz Kafka, Violette Leduc, Ursula LeGuin, Mario Vargas Llosa, Frederico Garcia Lorca, Thomas Mann, Katherine Kurtz, Margaret Miller, Juan Carlos Onetti, George Orwell, Ezra Pound, Terry Pratchett, Ayn Rand, Ruan Ji, Sappho, Arno Schmidt, Shakespeare, Siouxsie Sioux, Patti Smith, J.R.R. Tolkien, Franz Werfel; Film: Robert Altman, John Ford, Howard Hawks, Alfred Hitchcock, Ernst Lubitsch, Martin Scorsese, François Truffaut, Orson Welles, Billy Wilder

Philosophisch: Peter Abaelard, Theodor W. Adorno, Hannah Arendt, Aristoteles, Hildegard von Bingen, Martin Buber, Judith Butler, Richard Dawkins, Meister Eckhart, Paul K. Feyerabend, Wolfgang Fischer, Michel Foucault, Siegmund Freud, Paul Goodman, Stephen Jay Gould, Friedrich August von Hayek, Hans Hermann Hoppe, Wilhelm von Humboldt, Immanuel Kant, Emmanuel Levinas, Kurt Lewin, Herbert Marcuse, Lynn Margulis, Ludwig von Mises, Friedrich Nietzsche, Franz Oppenheimer, Wilhelm Reich, Jean-Jacques Rousseau, Jörg Ruhloff, Thomas Szasz, Christian Sigrist, Volker Sommer, Edith Stein, Max Stirner, Thomas von Aquin, Henry David Thoreau, Frans de Waal

Politisch: Anne R. Chérie, Voltairine de Cleyre, Paul Goodman, Thomas Jefferson, Sam Konkin III, Peter Kropotkin, Gustav Landauer, Errico Malatesta, Wendy McElroy, Albert J. Nock, Murray N. Rothbard, Leo Tolstoi

Einfluss durch Entgegensetzung: Augustinus, Franz von Assisi, Pierre Bourdieu, Erich Fromm, J.W. v. Goethe, Günter Grass, Jürgen Habermas, G.F.W. Hegel (vielleicht muss er demnächst umgruppiert werden), Martin Heidegger, Thomas Hobbes, Theodor Litt, Martin Luther, Karl Marx (ist er hier noch richtig eingeordnet?; vermutlich nicht), Maurice Merleau-Ponty, Fritz Perls (der gehört definitiv nicht in diese Kategorie), Platon, B.F. Skinner, Gordon Wheeler, Edward O. Wilson 

 

Lieber Paul Goodman,
du warst – und bist – mein Lehrer und meine Inspiration. Als Jugendlicher und junger Erwachsener habe ich die in Deinen Schriften, die mich faszinierten, erwähnten Autoren nachgeforscht und nachgelesen. So hat sich mir die Welt des Denkens von der Antike bis heute erschlossen. Sowohl durch Deine als auch an Deinen Schriften habe ich das Interpretieren gelernt. Ich versuche, dieses Können an die nachfolgende Generation von Gestalttherapeuten (das einzige Publikum, das ich lange Zeit hatte) weiterzugeben.
Dafür wollte ich dir danken.
Danke, Paul.
Was Deinen Weg vom Literaten zum psychologischen und soziologischen Denker betrifft, gehe ich den umgekehrten Weg. Du hast in den 1930er und 1940er als Schriftsteller begonnen, bis Du ab den 1950er Jahren zu dem Punkt gekommen bist, an welchem Du das Gefühl hattest, dass Literatur nicht mehr weiterhilft: Das Leben unter der Bedingung der „organized society“ (etwa: verwaltete Welt) war in Deinen Augen zu „absurd“ und fad geworden, um daraus dramatische Szenen und dreidimensionale Figuren machen zu können. Du meintest, Literatur würde eine Gestalt des Lebens voraussetzen, die durch die Umstände aber bedroht zu sein schien. Darum hast Du Dich psychologischen und soziologischen Themen zugewandt, die die Entwicklung in diese Richtung erklären können. Und Du hast Dich dann mit denen verbündet, die in den 1960er Jahren politisch gegen diese Entwicklung aufbegehrt haben.
Für mich dagegen setzte die politische, soziologische und schließlich psychologische Theorie eine prinzipielle Gewissheit über Gut und Böse voraus, die mir immer mehr abhanden kommt. Die Zwischentöne und die Ambivalenzen kann ich nur durch Literatur ausdrücken. Mein Bindeglied zwischen der literarischen und der wissenschaftlichen Welt ist die Theologie, die ich auch Dir und Deinen Hinweisen auf Thomas von Aquin zu verdanken habe. Wie sonst als auf diese Weise hätte ich als Kind der atheistischen 1960er Jahre zur Theologie und zum Christentum gefunden?
Danke, Paul.
Ich wünsche mir, dass, wo immer und wie immer Du jetzt existierst, Deine Augen wohlgefällig auf mir ruhen mögen,
Dein Schüler und Freund Stefan